Forstsetzung
Offenheit gegenüber dem Handeln Gottes. Denn ihre grundlegende Ausrichtung empfängt die Kirche und über das, was sie erreichen will, verfügt sie letztlich nicht. Darum muss gebetet werden. – Und das zu
wissen unterscheidet das Leitungshandeln in der Kirche letztlich auch grundlegend von dem in anderen Organisationen.
Aber eben dieses Gebet zu Beginn und zum Ende der Sitzung umschließt nun eine konkrete Tagesordnung, in der der Kirchenvorstand so gut organisiert wie möglich tut, was nötig ist, um die vorhandenen
Mittel so zielgerichtet wie möglich einzusetzen. Gebet und strategisches Handeln gehören zusammen. Leitung in der Kirchengemeinde will in diesem Sinne als menschliches Handeln gewagt werden – und
Leitung kann in diesem Sinne auch mit der nötigen Gelassenheit gewagt werden, weil sie in den Horizont Gottes gestellt ist.
Was macht strategische Leitung in der Kirchengemeinde geistlich?
Das geschieht nach evangelischem Verständnis weder dadurch, dass die Leitung durch Geistliche stattfindet, noch ist es die innere Gestimmtheit der Leitenden oder der Einbezug spiritueller Elemente in
die Leitungszusammenhänge. Strategische Leitung wird auf der Ebene der Kirchengemeinde dadurch geistlich, dass sie durch den Kirchenvorstand verantwortet wird – im Horizont des Evangeliums und im
Vertrauen auf den Geist Gottes.
Hier eine entsprechende Kultur in der Kirchenvorstandsarbeit zu entwickeln,
ist eine lohnende Aufgabe für jeden neu gewählten Kirchenvorstand.
André Witte-Karp
Die Ziele im Auge behalten
Aber geistliche Gemeindeleitung ist nicht damit schon gegeben, dass es „fromm“ zugeht. Es geht um die Ziele und Wege der Gemeinde, um die inhaltlichen Schwerpunkte, die Kirchenvorstände setzen. Was ist
das Ziel unserer Arbeit in der Gemeinde? Wenn es um die Ausrichtung der Gemeinde geht, bewegen sich alle Entscheidungen in folgendem Dreieck:
- Was immer getan wird – die Gemeinde ist dem Evangelium verpflichtet.
- Entscheidungen des Kirchenvorstandes müssen sich an Hoffnungen
- und Sehnsüchten der Menschen orientieren. Sie müssen ihre
- Zuversicht stärken und ihrem Glauben dienen; ihre Lebensnöte wenden,
- so weit das möglich ist.
Keine Kirchengemeinde existiert für sich allein. Die soziale Situation eines Ortes prägt auch sie. Alle Themen und Konflikte finden sich auch im Leben der Kirchengemeinde wieder. Und es gibt Traditionen,
die gepflegt werden wollen. Auch wer neue Wege gehen will, muss wissen, wo er herkommt und was vor Ort an Neuerungen notwendig und möglich ist.
In allen Diskussionen und Entscheidungen über den Weg einer Gemeinde wird dieses Dreieck eine Rolle spielen. Das Ziel aller Arbeit in der Gemeinde ist, dass Menschen zum Glauben an Gott finden und
diesen Glauben fröhlich und selbstbewusst leben, in guten und in schweren Zeiten, allein und in der Gemeinschaft. So können Gemeinden auch äußerlich wachsen, weil sie neue Menschen für den Glauben
Geistliche Gemeindeleitung hat damit zu tun, solche Prozesse und Wege anzuregen, die Sehnsucht nach dem Wirken des Geistes zu wecken und wach zu halten. Das Wichtigste an der geistlichen Gemeindeleitung ist daher etwas scheinbar Passives, was aber in höchster Weise aktiv ist: dem Geist Gottes Raum zu geben. Man kann auch sagen: Geistlich leiten heißt sich selbst der Leitung des Geistes anvertrauen und so auch andere leiten können.
Geistliche Gemeindeleitung praktisch
Geistlich leiten ist zunächst, weitergeben, was wir selbst empfangen haben:
Gottes lebendig machenden Atem.
Wie wir diesen Lebenshauch weitergeben können?
Erst einmal durch Erzählen der Ge- schichten, in denen Gott seinen Leben fördernden Geist hat wirken
lassen. Dazu gehören die Geschichten von Menschen, die sich dem Leiten des Geistes anvertraut haben, wie wir sie im Alten und Neuen Testament finden. Diese Geschichten wieder und wieder
zu lesen und zu erzählen, sie auf das eigene Leben zu beziehen, in ihnen den eigenen Glauben zu nähren – das ist der Anfang geistlicher Gemeindeleitung. Das ist auch die Begründung für die Andacht am
Anfang der Kirchenvorstandssitzung: Sie hilft, sich dem Geist Gottes zu öffnen, seinem Wirken Raum zu geben.
Es ist eine Hilfe zur eigenen „geistlichen Kompetenz“, wenn Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher sich mit theologischen Fragen beschäftigen, die eigenen Überzeugungen in Sachen Glauben und Lebenspraxis mit den anderen teilen und sich darüber auseinandersetzen. der Sitzungen, die oft genug unter Zeitdruck und überbordender Tagesordnung leiden, übertragen werden. In den Sitzungen geht es um
Finanzen, den Kindergarten, das Altenheim, die Jugendgruppe, den Neubau, die Orgel, die Renovierung des Gemeindehauses und anderes.
Seltener geht es um die zentralen Inhalte des Glaubens: Wie können Menschen mit dem Evangelium erreicht werden? Bei aller Diskussion wird es letztlich immer um die Frage gehen, ob die jeweilige
Entscheidung Leben in die Gemeinde bringt.
Wichtige Fragen für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher
sind deshalb:
• Was sind die Ziele der Gemeindearbeit, die der neu gewählte
Kirchenvorstand ermitteln und immer wieder überprüfen muss?
• Dienen unsere Ziele der einen großen Aufgabe, das Evangelium
unter die Menschen zu bringen?
• Werden alle Haupt- und Ehrenamtlichen wahrgenommen und
wertgeschätzt – etwa durch Angebote zur Fortbildung, durch
regelmäßige Begleitung, durch Feste und ein gutes Miteinander?
• Haben alle Mitarbeitenden genügend Material und Hilfsmittel
für ihre Arbeit – von Räumen, Schlüsseln bis hin zu Computern,
Kopierern und anderem?
• Sind die Räume der Gemeinde offene, einladende und von
Gastfreundschaft geprägte Orte? Fühlt man sich in ihnen wohl?
• Gibt es klare Arbeitsbeschreibungen, wie Dienstanweisungen,
Verabredungen und Verträge? Wird die Persönlichkeit der
Mitarbeitenden gesehen und geschätzt? Darf man sich auch
Schwächen erlauben, gibt es einen fehlerfreundlichen Umgang
und die Chance zu neuen Anfängen nach Irrtümern?
• Sind die Beziehungen gerecht, friedliebend und lebendig
gestaltet? Findet ein fairer Ausgleich der Interessen statt?
• Lebt die Gemeinde nur im Augenblick oder hat sie eine
Perspektive für die Zukunft? Werden die Alten geachtet und die
Jungen nicht vergessen? Gibt es eine ökumenische Weite oder
ist sich die Gemeinde selbst genug?
Gelingendes Leitungshandeln wird daran erkannt, ob die Gemeinde
einladend ist, ob sie ein Ort und ein Werkzeug für die Kommunikation des Evangeliums wird und ob sie Räume öffnet, in denen Gottes Geist
wirken kann. Leitungshandeln gelingt auch da, wo Menschen im Glauben und in der Gemeinde eine Heimat finden und wo sie ermutigt werden, ihr Christsein in allen Lebenszusammenhängen fröhlich
und unverkrampft zu leben.
Auf den ersten Blick mag es merkwürdig erscheinen: Eines der Kennzeichen für gute Gemeindearbeit ist, ob Christinnen und Christen in der Gesellschaft als solche erkennbar werden. Es geht darum, als
Christen in den Alltagsbezügen erkennbar zu werden – im Betrieb, in der Schule, im Lehrsaal, in der Frühstückspause. Auch darauf zielt das leitende Handeln von Kirchenvorständen ab.
Geistliche Gemeindeleitung konkretisiert sich in Entscheidungen, die gefällt werden. Sie hat klare leitende Werte: Das Evangelium hilft zur Orientierung. Die Menschen sind bei allen Entscheidungen im Blick.
Und es geht immer um das Hier und Jetzt. Ganz schlicht: Ein Kirchenvorstand achtet darauf, dass die richtigen Dinge getan werden und sie in der richtigen Weise getan werden. Beides muss zusammenkommen, denn gut gemeint ist noch nicht gut gemacht.
Die Wahrheit ist auf dem Platz
Es lässt sich trefflich in großen Theorien über die theologischen Aufgaben
eines Kirchenvorstandes diskutieren. Aber die Worte müssen umgewandelt
werden in alltägliche Taten.